
Elfriede Schirrmacher, um 1970, Foto: H.-W. Funk/ Stadtarchiv
Elfriede Schirrmacher wurde am 30. Oktober 1894 als Tochter eines Deckoffiziers der Kaiserlichen Marine in Kiel geboren. 1903 zog die Familie nach Frankfurt (Oder). Ab Oktober 1916 war sie bei der Stadtbibliothek beschäftigt. Zunächst tätig als Hilfskraft bei der Katalogisierung bildete sie sich durchgehend autodidaktisch im Bibliothekswesen weiter, sodass ihr ab 1923 die Kleistbücherei der Kleist-Gesellschaft anvertraut wurde. Ihr größtes Werk als Bibliothekarin bestand ab 1940 in der Vergrößerung der wissenschaftlich-heimatkundlichen Abteilung als Spezialbibliothek zur Stadt- und Universitätsgeschichte.
Nachdem Frankfurt (Oder) 1945 zur Festung erklärt worden war, musste Schirrmacher die Stadt verlassen. Sie wich nach Neuruppin aus und beteiligte sich dort am Aufbau der Bibliothek. Im Oktober 1945 kehrte sie in die Oderstadt zurück. Im Sommer 1946 wurde sie mit der Bergung der Akten von Regierung und Gerichten beauftragt. Sie erweiterte die Bergungsarbeiten bald auf das städtische Archivgut. Dessen älteste Teile, insbesondere die Urkunden, waren im Tresorraum des zerstörten Rathauses gelagert worden. Die neuesten Archivalien waren im Turmstumpf der Marienkirche verblieben und gingen größtenteils verloren. Weitere Bestände waren 1944 in den Kreis Crossen ausgelagert worden.
Zum 1. Mai 1948 wurde Schirrmacher offiziell mit dem Wiederaufbau des Stadtarchivs beauftragt. Im Zuge dessen absolvierte sie ein Praktikum im Berliner Hauptarchiv (dem früheren Preußischen Geheimen Staatsarchiv) in Berlin-Dahlem. Ihre Archivausbildung führte sie im Deutschen Zentralarchiv in Potsdam fort. Sie schloss sie mit einer Diplomarbeit zum Wiederaufbau des Stadtarchivs Frankfurt (Oder) und dem Gesamtprädikat „sehr gut“ ab.
Im Gebäude Halbe Stadt 14a führte sie die geborgenen Unterlagen zusammen. Die stark beschädigten und verschmutzten Archivalien mussten gereinigt und restauriert werden. Die Finanzierung der Restaurierungen und die Suche nach Arbeitskräften gelangen Schirrmacher unter großen Anstrengungen. Weil die zugehörigen Findmittel verloren waren, musste sie das Archivgut von Grund auf neu ordnen und verzeichnen. In mühevoller Kleinarbeit rekonstruierte sie zerrissene Archivalien.
Ab 1951 wurden dem Stadtarchiv auf ihren Vorschlag hin vom Rat der Stadt auch die historische Bildersammlung und die heimatwissenschaftliche Abteilung der Bibliothek übertragen. Das Archiv zog 1952 in die obere Etage der Stadtbibliothek. Im Rahmen der 700-Jahr-Feier der Stadt wurde die von ihr gegründete Kleist-Gedenkstätte am 12. Juli 1953 feierlich eröffnet. Im Jahr 1962 gelangte ein Teil des evakuierten Archivgutes im Umfang von rund 62 laufenden Metern aus Polen zurück. Auch hier galt es, die teils zerrissenen Archivalien zu rekonstruieren und neu zu erschließen. Mit der Publikation der Beständeübersicht im Jahr 1972 waren die Arbeiten abgeschlossen.
Für Schirrmachers unermüdliche Bemühungen um die städtische Überlieferung verliehen ihr der Rat der Stadt und die Stadtverordnetenversammlung 1966 den Titel „Stadtarchivdirektorin“. Nach dem Umzug des Stadtarchivs in das umgewidmete Doppelpfarrhaus in der Collegienstraße 1976 wurde sie nach fast 58 Dienstjahren in den Ruhestand versetzt. Sie verstarb am 15. November 1978 in Frankfurt (Oder).
Mit dem Wiederaufbau des Stadtarchivs und der Gründung der Kleist-Gedenk- und Forschungsstätte sicherte Elfriede Schirrmacher das kulturelle Erbe der Stadt und machte es der Öffentlichkeit zugänglich. Es ist ihr Verdienst, dass die Stadt Frankfurt (Oder) heute über eines der größten Kommunalarchive und mit dem Kleist-Museum – der Nachfolgeeinrichtung der Gedenkstätte – ein herausragendes Literaturmuseum im Land Brandenburg verfügt.
Dr. Denny Becker, Stadtarchiv Frankfurt (Oder)
