Franz von Gaudy (1800–1840) ‒ biographische Skizze
Quelle: Doris Fouquet-Plümacher, Franz von Gaudy – biographische Skizze. In: Dies. (Hg.), Franz von Gaudy aus/in Frankfurt an der Oder. Literarischer Strauß zu seinem 225. Geburtstag am 19. April 2025, Berlin 2025 (= Frankfurter Studien zur Stadt- und Regionalgeschichte, Band 1), S. 17–34
Hendrik Bäßler Verlag, Berlin, ISBN 978-3-910447-51-6, EUR 14,80
Franz von Gaudy wurde am 19. April 1800 in Frankfurt an der Oder geboren und starb mit 39 Jahren am 5. Februar 1840 in Berlin. Er ist ein spätromantischer, realistischer, liberaler Schriftsteller des Vormärz. Er schrieb Gedichte, Novellen, Erzählungen, kleine Bühnenstücke, Satiren sowie Reiseberichte und war ein ausgezeichneter Übersetzer aus dem Polnischen und Französischen. Zu seiner Zeit war er sehr beachtet, seine Werke erschienen in Klassikerausgaben, zu seinem 100. Geburtstag 1900 gab es eine neue Auswahlausgabe und bedeutende Würdigungen. Nach dem Epochenschnitt des Ersten Weltkriegs verblaßte sein Werk, es wurden noch einige Novellen verlegt, meist der Schneidergeselle und die Venetianischen Novellen; nach dem Zweiten Weltkrieg ist Gaudy fast ganz vergessen. Die Überlieferung zu seinem Leben und Werk ist gering, da sein Nachlaß vollständig verloren ist.[1] Zu seinem 225. Geburtstag 2025 wird erneut in seiner Vaterstadt an ihn erinnert.
Frankfurt an der Oder war zu jener Zeit um 1800 eine große Handelsstadt, Sitz einer Universität und wichtige Militärgarnison. Der Vater war Friedrich Wilhelm Leopold von Gaudi (1765-1823), seit 1793 Premierleutnant im Infanterieregiment von Kleist, seit dem 2. September 1799 Major im Regiment von Zenge, was Heinrich von Kleist im Brief vom 12. November 1799 unter den wichtigen Frankfurter Neuigkeiten an seine Halbschwester Ulrike berichtet: „Gaudi ist Major geworden.“ Die Mutter war Constanze Ottilie Franziska Johanna aus dem Hause von Schmettow, Pommerzig (1772–1817). Die Taufe fand statt am 28. April, dem 35. Geburtstag seines Vaters, in der Garnisonkirche Frankfurt (Oder) (s. Abb. 1). Die 28 Paten stammen aus dem gesellschaftlichen und familiären Umkreis mit den Namen Schmettow, Kleist, Gaudi und Tauentzien sowie der militärischen Führung vom Regiment Zenge.
Abbildung: Taufzeugnis Franz von Gaudy vom 28. April 1800. (Geheimes Staats-Archiv PK, Berlin, Militärkirchenbücher 718, S. 745f.).
Herr Friedrich Wilhelm v. Gaudi, Major des Regts u. deßen Gemahlin, Frau Ernestine Francisca Ottilie geb. Gräfin v. Schmettow[2] ließen d. 28ten Aprill einen Sohn taufen geb. d. 19t. ej. Nachmittags ½ 5 Uhr u. genannt
Franz Bernhard Heinrich Wilhelm
Abwesend
11. H. Graf v. Schmettow auf Pomerzig
12. H. Kammerherr Graf v. Schmettow
13. H. Obrist Graf v. Tauenzien
14. H. Maj. v. Tauenzien auf Balkow
15. H. Graf v. Schmettow auf Langenöls
16. H. Graf v. Schlippenbach auf Arendsee
17. H. Kriegsrath v. Gaudi auf Angerburg
18. Frau Kammerherrinn v. Kleist
19. Frau Aebtißinn Gräfin v. Schmettow
20. Frau v. Knesebeck Hofdame in Berlin
21. Frau Gräfinn v. Eickstaedt auf Coblenz
22. Frau Gen. Lieut. v. Gaudi in Wesel
23. Frau Minist. Gräfinn v. Haugwitz
24. Frau Baroninn v. Haugwitz in Neusalz
25. Frau Gräfinn von Scher-Toss
26. Frau Kammerherrinn v. Unruh in Berlin
27. Frau Gräfinn v. Schwerin in Prenzlau
28.Fräulein v. Schlieben in Kroßen.
Franz verbrachte eine durch die Zeitumstände der Befreiungskriege unruhige Kindheit in verschiedenen Pensionen. Gaudys Vater wurde 1809 Militärgouverneur des Kronprinzen, des späteren Friedrich Wilhelm IV., holte seinen Sohn nach Berlin, schickte ihn auf das Französische Gymnasium und gab ihn bei François Guillaume Henri Reclam (1778-1833), Prediger der Französisch-Reformierten Luisenstadtkirche (Melonenkirche), in Pension. Durch die Position des Vaters gelangte er in den Kreis am Hof; beim Fechten, Voltigieren und anderen Unternehmungen war er gelegentlich in persönlichem Verkehr mit dem Kronprinzen und blieb diesem trotz des Altersunterschieds von 4 ½ Jahren in Erinnerung. Das spätere Verhältnis von Gaudy zum Kronprinzen schildert Arthur Mueller immer wieder als von königlicher Gnade umstrahlt, das wird von Fedor von Zobeltitz weiter tradiert und von allen späteren Autoren als sichere Tatsache referiert. Die kronprinzlichen Gnadenbezeugungen waren jedoch entweder normale Verwaltungsakte oder aber Fiktion.
Das Positive der Berliner Zeit bestand für Gaudy darin, „sich mit den Kunstschätzen der Residenz zu befreunden – ein Umstand welcher auf seine spätere Geistesrichtung den entschiedensten Einfluß ausübte.“ So beschreibt er es in seinem Lebenslauf.[3] Schon hier zeigt sich Gaudys große Nähe zur bildenden Kunst, die später in Bildgedichten sowie Kunstgesprächen und -betrachtungen erscheinen wird.[4] Den Besuch des Französischen Gymnasiums beurteilt er wenig positiv: "Der alte Schlendrian des Unterrichts, der übelverstandne Grundsatz den Schüler mit unnöthigen schriftlichen Arbeiten zu überhäufen, der Despotismus eines hypochondrischen Erziehers erstickten vollends jeden Aufschwung, jede Lust an freier Thatkraft in dem verschüchterten Jüngling, und außer einer leidlich genauen Kenntniß der lat. und griechischen Grammatik brachte ihm jener fünfjährige Schulbesuch nur unerheblichen Vortheil."[5]
Von 1815-1818 besuchte er Schulpforta. Hier fühlte er sich wohl und fachlich gefördert, es herrschten zudem viel angenehmere Umstände: "Kleinere und größere Ausflüge in die schöne Umgebung, nach Weimar, dem Thüringer Wald, in die goldene Au, Reisen nach Dresden wo G's Vater als Preußischer General Gouverneur von Sachsen lebte, waren die hellsten Lustpunkte jener für den Jüngling so schönen Zeit." (ebd.) Das Abschlußzeugnis dieser glücklichen Jahre ist die sog. Valediktion, in der sich die Schüler traditionsgemäß mit einer Abhandlung in lateinisch und Dankadressen an Lehrer und Schulkameraden verabschiedeten.[6]
Gott dem Allerhöchsten
Dem erhabensten mächtigsten König
Den hochgelehrten Professoren
Der Hohen Schule Porta
Den sehr lieben Freunden
nach vorangestellter Abhandlung: Warum eignet sich die
Malerei
besser als die Skulptur zur Darstellung heiliger Dinge.
dankt
10 Tage vor den
Kalenden
Porta verlassend
des Juli 1818 [23.
Juni]
Franz B. H. W. von Gaudy
aus
Preußen.
Abbildung: Gaudys Valediktionsmanuskript 1818 in Schulpforta. (Archiv und Bibliothek der Landesschule Pforta, Valediktionen 231/16).
In der Armee 1818–1833.
Sein Vater bestimmte ihn zur Armee; Gaudy trat im Herbst 1818 ins 1. Garde-Regiment zu Fuß in Potsdam ein, im Februar 1819 wurde er Fähnrich und im Oktober Seconde-Lieutenant (Offizier). Diesen Status hatte er bis zum Ende seiner Armeezeit. In Potsdam war er zunächst recht glücklich, da sein Vater ihm 20 Taler zur Verfügung ausgesetzt hatte (S. MM). Das 1. Garde-Regiment zu Fuß war unmittelbar dem König unterstellt, eine Elite-Einheit, in die man nur durch Beziehung und mit ausreichendem finanziellen Hintergrund gelangte. Gaudys Vater aber war 1819 nach dem Kauf des Gutes Görbitsch (Neumark, Garbicz) und einer zweiten Heirat zu weiterer Unterstützung nicht in der Lage, Gaudy begann Schulden zu machen. Sein Vater ließ ihn 1821 ins 10. Infanterieregiment, Garnison Breslau/Brieg, versetzen.[7] Zunächst lebte er unbeschwert in Breslau im dortigen literarischen Kreis, ab 1823 veröffentlichte er Gedichte und Prosa in schlesischen Almanachen, lernte hier auch eine junge Dame kennen, "durch Schönheit und Adel der Seele seiner Liebe würdig“ (ohne Namensnennung).[8] Es war Jenny von Rochow (1806–1879), eine Verwandte von Caroline de La Motte Fouqué, die in erster Ehe Rochow geheißen hatte.
Einen Bruch in seiner Lebensplanung bedeutete der dem Tod des Vaters (21. September 1823) folgende Verlust des Erbes, dem Verkauf des Gutes (1825), das nicht zu halten war. Aus wirtschaftlichen Gründen war er zum Verbleib beim Heer gezwungen. Von der Verbindung zu Jenny ist ein einziger Brief vom 1./2. September [1824] überliefert,[9] ein großformatiges Doppelblatt von tagebuchartigem Charakter, in dem er aus Brosewitz (Broźec, Niederschlesien) von der militärischen Vorbereitung der bevorstehenden Heeresrevue berichtet, "die freudeleere Außsicht auf das morgende Manövre, und die darauf folgenden Tage des Jammers und der Noth". Er fürchtet das vielleicht drohende, „schrecklichste Unglück einer ewigen Trennung“. Diese trat ein, die Verlobung mit Jenny wurde gelöst, denn er war jetzt zur Gründung eines Hausstandes wirtschaftlich gar nicht in der Lage. In seinem ersten Buch Erato (1829) widmet er ihr "in schmerzlich süßer Erinnerung" Elegien. Gaudy hat nie geheiratet, spätere Verbindungen mit Frauen lassen sich gelegentlich vermuten.
Schulden waren Gaudys Problem: Noch in Berlin hatte er 1821/22 eine Auseinandersetzung darum mit einem Schneider, worüber er in einem Gedicht spottete.[10] Sein Vater hatte ihm die Begleichung seiner Schulden zu Weihnachten 1823 zugesagt, starb jedoch vorher. In Brieg schlug Gaudy einem Schneider, der ihn wegen seiner Schulden bis dorthin verfolgte, im Zorn ein Ohr ab.[11] Das führte zur Strafversetzung nach Glogau ins 6. Infanterieregiment[12] und zu seiner ersten Festungshaft in Cosel im Frühjahr 1825. Festungsarrest war eine Art Ehrenhaft für Offiziere und höher stehende Personen wegen nicht ehrenrühriger Vergehen, politischer Aktivität, Duellen usw. In Cosel ergab sich beim Verlassen des Festungsarrests eine Auseinandersetzung, an deren Schluß Gaudy zu einem Duell mit Pistolen herausforderte, das am 18. August 1825 in Troppau (Opava, Tchechien) stattfand. (Abb. 3)
Abbildung: Duell Gaudy – Hinzinger mit Pistolen in Troppau am 18. August 1825.
Der Gegner, Florian Hinzinger, Sekondeleutnant im 22. Infanterieregiment, Füsilierbataillon Cosel, steht links, Gaudy in Uniform rechts, die beiden Sekundanten im Hintergrund sind Baron Grovestin und Baron Kleinstüber. Links hinter dem Baum steht der Arzt mit Zylinder und Schirm. Hinzinger floh nach dem ersten Schußwechsel. (Karikaturenbuch S. 34).
Das Duell war ein wesentliches Element im militärischen Leben des 19. Jahrhunderts. Es sicherte und legitimierte den gesellschaftlichen Sonderstatus der Offiziere, hatte nichts Romantisches an sich, sondern bedeutete immer Auseinandersetzung. Es stand unter Verbot, wurde jedoch, da niemand dieses respektierte, stillschweigend geduldet und mit Maßen bestraft.[13] Gaudy war von 1819 bis 1829 zwölfmal an Duellen beteiligt, 3mal forderte er heraus.[14] Das Duell vom 18. August 1825 brachte im Frühjahr 1827 eine zweite Festungshaft, jetzt auf Silberberg (Eulengebirge). Das Urteil wird auf 12 oder 2 Jahre lautend kolportiert, blieb aber im üblichen Rahmen von 3 Monaten, es war eine ganz elende Situation.[15] In seiner Verzweiflung rettete Gaudy sich in sein Selbstbewußtsein als Dichter (S. MM) und suchte brieflich Hilfe bei August von Blumröder (1776-1860), einem Liberalen, Politiker und Offizier aus Sondershausen; ihm widmete er ehrerbietig die Wasserrosen in Erato (S. MM).
In Glogau war Gaudy von 1825 bis 1830 stationiert: In der Regiments-Rangliste 6 vom Februar 1830 erscheint „Franz Baron von Gaudy, Charge: Sec.-Lieutenant, 8.1829 im 2. Bataillon. Vaterland: Neumark, Dienstzeit 11 Jahre, 8 Monate. Offizier-Patent vom 19.10.1819, Bemerkung: Kommand. zum topogr. Bureau“.[16] In Glogau herrschte eine ruhigere Atmosphäre, hier "konnte er sich mit größerer Ruhe den Studien hingeben. Er trat mit mehreren geistvollen dortigen Gelehrten in Verbindung, steuerte zu dem schlesischen Musenalmanach Gedichte und mehrere einaktige metrische Lustspiele, zu den schlesischen Blättern Parabeln und Erzählungen bei." (Lebenslauf) Von den "geistvollen Gelehrten" ist der bekannteste Gottfried Günther Röller (1783-1869), Direktor und Professor am evangelischen Gymnasium, ein großer Humorist.[17] Glogau war zu dieser Zeit ein Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit, die Gaudy beeinflußte.[18] Von den genannten kleinen Einaktern sind drei überliefert, ein viertes Stück ist nur durch einen Aufführungszettel bekannt.[19] In Glogau lernte er polnisch. 1828 unternahm er den Versuch, ein Studium nachzuholen und stellte einen Antrag auf Besuch einer Universität für 2 Jahre, um dem Armeedienst zu entgehen. Der Antrag war erfolglos. 1829 erschien sein erstes Buch Erato, dessen erster Teil mit Gedichten im Heinrich Heine-Ton in der Literaturkritik bis heute Aufmerksamkeit auf sich zieht.[20]
Der polnische Novemberaufstand gegen die russische Besatzung 1830/31 bewirkte die Umsetzung von Gaudys Regiment in das Großherzogtum Posen.[21] Hier herrschten infolge der politischen Unruhe häufige Garnisonswechsel: in Posen stand Gaudy ab März 1830,[22] im November in Koźmin,[23] im Dezember im Dorf Szcepankowo bei Posen.[24] Am 17. Januar 1831 hatte er die 5. Kompagnie seiner Brigade übernommen.[25] Als weitere Bedrohung von Osten drang unaufhaltsam die Cholera vor, an der viele erkrankten und starben. Hans von Diebitsch-Sabalkanski (1785-1831), Oberbefehlshaber der russischen Armee, starb am 10. Juni 1831 an der Cholera, Neidhardt von Gneisenau (1760-1831), der Oberbefehlshaber der preußischen Streitkräfte, am 23. August 1831. Auch Gaudy war vom 20. Juli bis 2. August 1831 schwer erkrankt. Am 26. Juli lautet sein kurzer Tagebuch-Eintrag: „Fest überzeugt, dass ich draufgehen muss.“ Erholen konnte er sich bei seiner Schwester Constance von Kalckreuth (1805-1876) auf Gut Schönborn bei Züllichau (Neumark, heute Kępsko – Sulechow). Zu ihr hatte er ein ähnlich inniges Verhältnis des absoluten Vertrauens wie Heinrich von Kleist zu seiner Halbschwester Ulrike, besuchte sie oft zu langen Aufenthalten und widmete ihr die Übersetzung von Clotilde de Vallon-Chalys (1837). Ansonsten mied er den im Adel üblichen Kontakt im Familien-Verband. 1832 folgten die Gedanken-Sprünge eines der Cholera Entronnenen, eine Sammlung von satirischen Stücken (ohne Bezug zur Krankheit), die Gaudy den Ruf eines humoristischen Schriftstellers einbrachten; das bedeutendste (bisher nur wenig beachtete) Stück ist Berganza (S. MM), der sprechende Hund von Cervantes und E. T. A. Hoffmann. Die Gedanken-Sprünge gelangten noch im selben Jahr zu einer 2. Auflage.
In der Posener Zeit befaßte er sich eng mit polnischer Literatur, übersetzte Julian Ursyn Niemcewicz: Geschichtliche Gesänge der Polen, Gedichte von Adam Mickiewicz sowie polnische Volkslieder. Aus polnischen Quellen geschöpft sind die Versnovelle Paulina, die Erzählung Der Jahrestag über Kościuszko sowie die Balladen Des Sapieha Rache, Habʼ Dank und Die Pestjungfrau.[26] Diese Dichtungen zeigen eine große Kenntnis der polnischen Literatur und eine politisch enge Anteilnahme an Polen. Während die westlichen Autoren für die nach Frankreich fliehenden polnischen Flüchtlinge des Novemberaufstands emotional-bewegte Polenlieder schrieben,[27] bezog Gaudy direkte Stellung zur politischen Geschichte des Landes, s. unten S. MM den Preis der ersten polnischen Verfassung vom 3. Mai 1791 in Paulina.
In seinem Lebenslauf schildert Gaudy die Posener Zeit so:
In Posen war es auch wo die Schildsagen und im folgenden Jahre die Korallen entstanden, in welchen G. sich zuerst als selbständiger, von keinem Vorbild geleiteter Dichter bewährte. – G. benutzte die Localität um sich mit der Polnischen Sprache vertraut zu machen. Die Übersetzung der Historischen Gesänge des J. U. Niemcewicz, so wie einiger Gedichte des Mickiewicz waren die Ausbeute. Bald darauf nach einem der kleinen polnischen Grenzorte versetzt wandte G. die überflüßige Muße welche ihm seine einförmige Existenz darbot an, um sich mit der alt-französischen, der provenzalischen und romanischen Sprache zu befreunden [Roman von Rollo, s. u.]– freilich nur mit den spärlichsten Hilfsmitteln.
1833 nahm Gaudy den Abschied von der Armee. Aus seiner letzten Garnison Rawicz hatte er am 26. Juli 1833 den Antrag an den Kronprinzen Friedrich Wilhelm (IV.) gestellt, ihm die Schild-Sagen, "eine poetische Bearbeitung von Familiensagen, von Legenden und dichterischer Wappendeutung", widmen zu dürfen.[28] Damit wollte er sich ein halbes Jahr vor seinem Abschied aus der Armee im Dezember 1833 einen guten Abgang verschaffen, denn durch die Widmung wäre eine wohlwollende Beziehung des Kronprinzen zum Autor dokumentiert worden. Gaudy war aber nicht durch besonderen Diensteifer oder militärisches Engagement, sondern durch Duelle, eine Strafversetzung, zweimalige Festungshaft und einen Austrittsantrag bekannt, mit der Widmung hätte er einen von königlicher Gnade umstrahlten Abschied genommen. Der Brief blieb unbeantwortet; die Schild-Sagen erschienen ein Jahr später, 1834, ohne Widmung. Das von Arthur Mueller immer wieder als von königlicher Gnade umstrahlte Verhältnis zum Kronprinzen gab es nicht, hier kurz zusammengefaßt: 1. 1827 angebliche Verkürzung der Festungshaft in Silberberg von 12 oder 2 Jahren auf 3 Monate. Das war kein Gnadenerweis, sondern wie üblich ein schlichter Verwaltungsakt per Kabinettsordre. 2. Das 1828/29 abgelehnte Austrittsgesuch aus der Armee zum Universitätsbesuch. 3. Die Pension beim Abschied aus der Armee 1833 lt. Herausgeber Arthur Mueller: »Auch gewährte der Kronprinz dem Dichter eine kleine monatliche Zulage.«[29] Das war die geringe Pension des Sekondeleutnants, die ihm nach mindestens 15 Jahren Armeezugehörigkeit zustand, ebenfalls ein Verwaltungsakt. 3. 1835 ein Zuschuß zur ersten Italienreise: Die bekannten Quellen bezeugen das Gegenteil. 4. Ende 1839 Ablehnung einer Anstellung als Hof-Bibliothekar.
Aus den langen 15 Jahren ist keine enge Freundschaft bekannt, die er an den verschiedenen Garnisonsstandorten geschlossen haben könnte. Als einzige Verbindung ist die zu August von Blumröder aus den Hilfeersuchen aus Silberberg bekannt. Die Armeezeit lag nun abgeschlossen hinter ihm. Er erhielt die nach 15 Dienstjahren offizielle, geringe Pension von 120 Talern/Jahr. Im Rückblick nannte er die Armeezeit "eine im militärischen Joche verseufzte Jugend",[30] "die verparademarschierte Hälfte meines Lebens",[31] seinen Armee-Abschied verkündete er als „Evangelio meiner Menschwerdung“.[32]
In Berlin 1834–1840.
1834 ließ Gaudy sich in Berlin nieder und verkehrte im Kreis der literarischen Mittwochsgesellschaft, gegründet von Julius Hitzig (1780-1849), dem Kreis um Willibald Alexis, Josef von Eichendorff, Friedrich de la Motte Fouqué, Otto Friedrich Gruppe, Karl Holtei, August Kopisch, Franz Kugler und Karl Streckfuß. Besonders eng befreundet war er mit Adelbert von Chamisso, der ihn nach Erscheinen der Erato zum Deutschen Musenalmanach eingeladen hatte, bei dessen Herausgabe er Chamisso fortan umfänglich unterstützte. Zunächst veröffentlichte er die in Armeezeiten entstandenen Werke: Schild-Sagen. Heroldsdichtung über zwölf Adelsfamilien. ‒ Korallen. 3 Teile: Der Liebe Loos (S. MM). Paulina (S. MM) und Gedichte. ‒ Desengaňo, traurige Liebesgeschichte mit burlesken Einschüben (S. MM). Die ebenfalls noch in Armeezeiten in kleinen polnischen Garnisonen entstandene Übersetzung der altanglonormannischen Chronik von Robert Wace: Roman von Rollo und den Herzögen der Normandie erschien 1835. Er verfügte nur über "die spärlichsten Hülfsmittel", die Romanistik war erst im Entstehen. Nach dem Urteil des Romanisten Karl Voretzsch (1867-1947) zeigt Rollo Gaudy „nicht nur als gewandten und geduldigen Uebersetzer, sondern auch als einen für jene Zeiten vortrefflichen Kenner des Altfranzösischen, ja, man kann wohl sagen, als wirklichen Philologen“.[33]
Abbildung: Erstausgabe der Kaiser-Lieder.
Das Werk, mit dem er erstmals als bedeutender Dichter wahrgenommen wurde, sind die Kaiser-Lieder (1835), die Napoleon als freiheitsbringenden Helden des Jahrhunderts feiern. In großen Gesängen werden die Siege gebracht (s. unten Die Schlacht bei den Pyramiden S. MM) und die wechselvolle Geschichte bis zu Das Grab auf St. Helena. Die Kaiser-Lieder führten zu heftiger Kritik und politischer Auseinandersetzung, da man den Tyrannen Napoleon doch erst mühsam in den Befreiungskriegen besiegt hatte.[34] Friedrich Nietzsche, wie Gaudy Schüler in Schulpforta, schrieb am 14. August 1859 in sein Tagebuch: "Von seinen Gedichten ziehen mich die Kaiserlieder besonders an, die, obwohl sie einen Gegenstand des Hasses verewigen und zu den Sternen erheben, ich dennoch zu einen der besten Verherrlichungsgedichte verstorbener Helden rechne. Man bewundert besonders den Schwung und die Glut in den Gesängen der Trauerweiden."[35]
Die erste Italienreise nach Rom.
1835 endlich gelang eine Reise nach Italien, die Gaudy schon seit Schulzeiten ersehnte. „Rom, Rom ward sein Feldgeschrei, das alleinige Ziel seines Lebens, seines Träumens“; diese Wendung aus der Künstlernovelle Der Deutsche in Trastevere[36] gilt für ihn selbst. Diese Reise beschreibt er in Mein Römerzug; mit dem Titel wollte er seine persönliche Sicht auf das viel behandelte Thema Rom und Antike betonen. Im Hl. Römischen Reich bezeichnete Römerzug die Fahrt des Kaisers nach Rom. Gaudys Reise, geplant in Gesellschaft mit Franz Kugler, führte über Bayreuth mit Besuch der Grabstätte von Jean Paul (S. MM), die Schweiz, Bologna, Florenz nach der Ewigen Stadt (Bd. 1). Er schildert die Kunststätten Roms und persönliche Begegnungen ausführlich (Bd. 2) und kehrt über Pisa, Florenz, Verona und Venedig wieder zurück (Bd. 3). Die zweite Frucht dieser Romreise: Aus dem Tagebuche eines wandernden Schneidergesellen ist eine satirische Entgegnung auf die damals großen Skandal aufrührende Anti-Italienschrift von Gustav Nicolai,[37] dann die amüsante Darstellung eines pfiffigen Berliner Schneiders auf dessen aufregender Reise nach Rom, seine Erfahrungen daselbst mit den Sitten des einfachen Volkes sowie Einblicke in das Leben der dortigen deutschen Künstler, und es ist gewiß auch eine Parodie auf die Grand Tour, die klassische Rom-Bildungsreise.
Die dritte große Übertragung Clotilde de Vallon-Chalys erschien 1837. Das lyrische Werk dieser Dichterin des 15. Jahrhunderts war eine Fälschung von Etienne de Surville von 1793/94, der vorgab, das Original-Manuskript einer Vorfahrin abgeschrieben zu haben, das in den Wirren der Französischen Revolution verloren gegangen sei. Die Fälschung wurde sogleich als solche erkannt, blieb aber umstritten. Gaudy bewunderte die Gedichte, hielt sie für echt und widmete die Übertragung seiner Schwester Constance von Kalckreuth. Die Übersetzung ist hoch virtuos, sie wurde von der Kritik sehr gelobt, Gedichte daraus erschienen noch lange danach in Anthologien. Clotilde ist eine der weniger bekannten unter den zahlreichen literarischen Fälschungen der Zeit in Folge von James Macphersons (1736–1796) Ossian. Aus dem gleichzeitigen französischen Kontext ist hier Prosper Mérimée (1803-1870) zu nennen, der 1827 selbst geschriebene Gedichte anonym als Sammlung serbischer Volkspoesie veröffentlichte.[38] Daraus hat Gaudy ohne Angabe des Autors Der Morlake in Venedig übersetzt, das Gedicht über einen armen balkanischen Arbeitsmigranten in Venedig, auch heute von unverändert aktueller Thematik.[39]
1837 erschien Novelletten mit den Titeln Der Katzen-Raphael. Künstlernovelle über den Berner Maler Gottfried Mind. ‒ Der Jahrestag. Novelle über Tadeusz Kościuszko (S. MM). ‒ Schüler-Liebe. Heitere Novelle über einen Schulpforta-Schüler als Tambour in den Napoleonischen Kriegen (S. MM).
Im Sommer 1837 besuchte er den schwäbischen Dichterkreis um Gustav Schwab und Justinus Kerner, die er nach der Korrespondenz zum Deutschen Musenalmanach jetzt persönlich kennenlernte, woraus ein herzliches Verhältnis erwuchs. Im Preisgedicht Gruß den Schwaben im Deutschen Musenalmanach 1839 feiert er sie namentlich. Mit Schwabs Albführer[40] wanderte er durch die Schwäbische Alb, deren Sehenswürdigkeiten er im Brief an Schwab vom 4. August 1838 aus Leipzig lebhaft schilderte. Dabei spottete er über den vom Kronprinzen Friedrich Wilhelm (IV.) begonnenen Rekonstruktionsversuch der Burgruine Hohenzollern („Mein Satyr erquickte sich herzinniglich über die vom Fürsten Johann Ballhorn XVII veranlaßten Umwandlungen der Burg …“). Er war von der liebenswürdigen süddeutschen Lebensart sehr angetan und plante, Preußen den Rücken zu kehren und sich nach der zweiten Italienreise in Schwaben niederzulassen; am 20. Juni 1838 heißt es im Brief an Schwab: „ … Heilbronn, wohin ich, so Gott will, im nächsten Jahre übersiedle". (Briefe 123) Er schrieb drei Erzählungen im schwäbischen, z. T. historisierenden Tonfall über schwäbische Themen.[41] Gustav Schwab lobte den Ritter von Ehingen, abgesehen von einem verkehrten Ortsnamen "sollte man glauben, ein Schwabe habe die ganze Zeichnung verfaßt" (Brief 111 vom 6. Januar 1838).
Abbildung: Die Fee in Antonello der Gondolier.Ill. von Hugo Renyi, 1922. |
Abbildung: Venetiaansche Verhalen. |
Als weiteres Werk aus dem italienischen Kontext erschien die schöne Sammlung Venetianische Novellen 1838 bei Appun in Bunzlau. Es sind 11 Novellen, romantische Erzählungen nach märchenhaften Motiven wie den vertauschten Köpfen oder dem Ring der Venus, realistische Darstellungen des Volkslebens und der deutschen Künstler sowie des Niedergangs des Adels. Sie waren als Sammlung wie auch als Einzelstücke eine beliebte Lektüre. Eine Auswahl daraus brachte 1839 eine niederländische Übersetzung: Venetiaansche Verhalen, die einzige Übersetzung eines Buches von Gaudy. Sonst ist nur Reiters Tod als Übersetzung zu nennen, der achte Gesang aus den Kaiser-Liedern, der den Sieg (1808) beim Zugang nach Spanien im Paß von Somosierra durch die polnische Kavallerie besingt. In der nationalen Mythologie Polens spielt dieser Sieg keine geringe Rolle, Reiters Tod wurde für die polnischen Exilanten in Paris in Französisch (Prosa) übersetzt.[42]
Als vierte große Übersetzung sind die Gedichte von Pierre-Jean Béranger (1780-1857) zu nennen, eine Gemeinschaftsarbeit mit Adelbert von Chamisso. Sie übertrugen 98 Lieder des französischen Volksdichters, Gaudy 56, Chamisso 36, beide zusammen 6 (der Übersetzer ist bei jedem Gedicht mit den Initialen verzeichnet); mit Béranger hatte Gaudy sich lange beschäftigt, in einigen seiner Gedichte zeigt er sich deutlich von ihm beeinflußt. In den Vorworten setzen sich beide grundsätzlich mit der Schwierigkeit von Übersetzung auseinander, Chamisso betont vor allem, welche politische Bedeutung die Chanson in Frankreich hat: "La chanson, die volkstümliche, nicht zu unterdrückende Freiheit der Franzosen, vertritt bei ihnen die Stelle anderer Freiheiten (Rede-, Preßfreiheit, Petitionsrecht u. s. w.), die [...] in bedrohlichen Zeiten das Sicherheitsventil des Dampfkessels sind." (S. VIII) Es war eine sehr erfolgreiche Übersetzung, die 2. Auflage erschien 1845, sodann 1873 das Heft von Reclams Universal-Bibliothek.
Im Juli 1838 unternahm Gaudy seine zweite Italienreise, die ihn in einem Jahr über Bern, Turin, Genua, Neapel, Sizilien und Neapel wieder nach Rom führte. Das ausführliche Tagebuch derselben, 215 engbeschriebene Quartseiten, datiert vom 15. Juli 1838 bis 24. Juli 1839, ist wie alle anderen persönlichen Quellen verloren.[43] Bis nach Bern begleitete ihn Eduard Ferrand (1813-1842, Pseud. Eduard Schulz) aus Landsberg a. d. Warthe, mit dem er seit 1836 befreundet war. Gaudy finanzierte die Reise mit Artikeln in den großen Zeitschriften von Johann Georg Cotta (Morgenblatt für gebildete Leser u. a.), der ihm zu höherem Honorar "die Spalten derselben aufs Bereitwilligste geöffnet" hat.[44] Auf dieser Reise war er, so anstrengend sie sich streckenweise, z. B. in Sizilien, erwies, zufrieden und glücklich. Ein Bild des Glücks vermittelt die neapolitanische Szenerie in den Eingangssrophen von Chamisso ist tot (S. MM), kontrastierend zur Todesnachricht, die ihn sehr getroffen. Mit Chamisso war ihm "Mein einzʼger Freund, mein Vater" gestorben. Diese emotionale Nennung ist berührend und wirft zugleich ein Licht auf den gewissen Mangel an gleichaltrigen Freunden. Aus der Armeezeit ist keiner bekannt, aus der Berliner Zeit zwar Franz Kugler und Eduard Ferrand als kollegiale Schriftsteller, aber niemand reicht an den väterlichen Freund Chamisso.
Neben den Freuden der Reise bedeutete das Schreiben der vielen Reise- und Lebensbilder und Novellen eine Anstrengung für den von seinen Publikationen lebenden Schriftsteller, worüber er gegen Ende der Reise im Brief an Salomon Hirzel aus Rom vom 25. April 1839 klagt: "... [ich] schreibe, daß es ein Erbarmen ist. Ich weiß mich vor Berichten, Genre-Bildern und Novellenschmiererei kaum zu lassen. Von letzteren habe ich allein sieben fabriziert,[45] von ersten einige Dutzende." Gaudy war ein sehr disziplinierter Schriftsteller, ähnlich dem, wie ihn Friedrich Schiller im Brief vom 16. Januar 1788 an Christian Gottfried Körner beschrieben hatte: "Ich muß von Schriftstellerei leben, also auf das sehen, was einträgt." In Neapel und Rom verkehrte er überwiegend in Künstlerkreisen, in Rom auch beim Cervaro-Künstlerfest (S. MM). Von dieser großen Italienreise berichten die in Portogalli abgedruckten Reise- und Lebensbilder und einige Briefe. Die zahlreichen persönlichen Beziehungen sind heute wegen Quellenmagel nur mühsam auf Nebenwegen zu ermitteln. Gaudy führte neben dem genannten Tagebuch eine Bildermappe; bei der ersten Romreise 1835 notiert er bei einer Paßkontrolle: "Geht es so fort, so wird der Italiänische Paß voluminöser als mein Italiänisches Bilderbuch."[46] Das Bilderbuch der zweiten Italienreise war natürlich sehr umfangreich; Nachrichten darüber gibt es 1931, als es in einem kleinen Aufsatz, dessen wichtigster Teil die Abbildungen sind, vorgestellt und 1834 bei Stargardt versteigert wurde.[47] Hier Gaudys Zeichnung des Malers Hermann Kretzschmer (1811-1890) und dessen Porträt Gaudys. Das Porträt zeigt Gaudy mit reichen Bartschmuck, der wohl auch allgemein Eindruck machte, und den er sich in Berlin schneiden ließ.
Abbildung: Der Maler Hermann Kretzschmer. Zeichnung von Franz von Gaudy. Rom 1839. Aus der Bildermappe Gaudys |
Abbildung: Franz von Gaudy. Gemälde von Hermann Kretzschmer, Rom 1839. Radierung Berlin 1840 |
Im Juli 1839 kehrte Gaudy nach Berlin zurück, sammelte und ordnete die neuen Manuskripte für den Druck und seine Werke für eine Gesamtausgabe. Seine wirtschaftliche Not war nicht verborgen geblieben. Freunde ‒ bislang sind keine Namen bekannt ‒ bemühten sich, ihm bei Hof ein offizielles Amt in der Königl. Bibliothek und damit ein sicheres Einkommen zu besorgen. Das war üblich, August Kopisch war auf diese Weise im Kunstbeirat und im Hofmarschallamt untergekommen. Gaudy schreibt im Brief an seine Schwester vom 12. November 1839: „Es giebt hier ehrlicher, guter, lieber, wackrer Leute, so meine Freunde sind, Männer in Amt und Würden, in Sammt u. Bürden, die sich – Hol’s der Teufel wenn ich’s begreifʼ wie ich dazu komme – vorgesetzt haben aus Deinem Hrn Bruder kurz vor Eintritt in die Schwabenjahre einen ordentl. soliden Kerl zu machen, un homme rangé, einen Brevetirten, Patentirten, einen an der Maschinerie in somma. ’S ist ’ne fixe Idee, und ich weiß ’s wird doch nischt draus, und ich bleibe der herumrollende Stein, auf den zeitlebens kein Moos wachsen wird.“ Er habe sich aus diesem Anlaß sogar seinen „sizilianischen Wellen-Bart verstutzt, u. sehe jetzt auf die Distanze von 12 Schritten, (nach Urteil mehrerer Sachkenner) einem Menschen ziemlich ähnlich.“ Im Brief an seinen Verleger Hirzel vom 27. Januar 1840 heißt es: „Meine Bitte um Anstellung als Bibliothekar oder so etwas ähnliches haben Se. K. Hoheit der Kronprinz allerhuldreichst abzuschlagen geruht.“ Über Weihnachten/Neujahr besuchte er wieder seine Schwester Constance in Schönborn, es sollte der letzte Besuch sein.
In dieser schwierigen wirtschaftlichen und als bedrückend empfundenen politischen Situation begann er den schon vor der zweiten Italienreise gefaßten Plan, sein preußisches Leben definitiv abzuschließen, auszuführen: er sammelte und sichtete seine Werke für eine Gesamtausgabe, hatte mit dem Preußischen Volksfreund einen umfangreichen Vertrag abgeschlossen (Gaudy-Texte erschienen dort noch bis 1842), und suchte einen Verleger für das Portogalli-Manuskript ‒ 30 Reisebilder und 5 Novellen, wie er am 27. Januar 1840 an Hirzel schreibt (Briefe 143). Mit dem Ertrag wollte er eine Reise nach Südfrankreich und Algier unternehmen und sich bei der Rückkehr in Schwaben niederlassen.
Franz von Gaudy starb plötzlich an einem Schlaganfall am 5. Februar 1840 und wurde am 9. Februar auf dem Friedhof I der Jerusalems- und Neuen Kirchengemeinde am Halleschen Tor neben der Grabstätte seines Großonkels, Leopold Otto von Gaudi (1728-1789), Kriegsminister Friedrichs des Großen, beerdigt. DieVossische Zeitung berichtete am 10. Februar 1840:
Gestern Sonntag d. 9. Febr., früh um 10 Uhr fand die Beerdigung des Freiherrn Franz von Gaudy statt, der, erst vor wenig Wochen von dem Besuche einer innig geliebten Schwester zurückgekehrt, Mittwoch den 5ten, Abends um 9 Uhr, in Folge eines Schlagflusses verschieden war. Den Gesinnungen des Verstorbenen gemäß waren ganz einfache Begräbnißfeierlichkeiten gewählt worden, aber eine zahlreiche Versammlung des Civil- und Militairstandes, namentlich der literarischen Freunde und Verehrer des Verstorbenen, welche dem deutschen Dichter zu seiner Ruhestätte (auf dem Kirchhofe zunächst dem Halleschen Thore, wo auch Chamisso ruht) betrübten Herzens folgte, legte auf eine würdige Art die innige Theilnahme an dem Verewigten an den Tag.
Ein Todtenopfer für den Dichter Franz Gaudy schrieb der politische Lyriker und Revolutionär Georg Herwegh (1817-1875), der zu dieser Zeit als politischer Flüchtling wie so viele Vormärz-Aktive in die Schweiz, nach Zürich, geflohen war. Das Todtenopfer fügt Gaudy in die noble Reihe der politischen Dichter ein, es erschien am 16. Februar in Deutsche Volkshalle (S. MM).
Die Sämtlichen Werke gab Arthur Mueller 1844 in (dünnen) 24 Bänden heraus, 1847 Gedichte in der von Gaudy selbst getroffenen Auswahl,[48] und 1853/54 die Auswahl Poetische und prosaische Werke in 8 Bänden, die heute antiquarisch zahlreich anzutreffen ist. Diese Auswahlausgabe ist mit gleichem Titel in 5 Bänden (in 1 Band, ohne Mein Römerzug und ohne Portogalli) von ca. 1885 bis 1914 oft in Berliner Verlagen erschienen. Gaudy war ein gelesener Autor, was sich ebenfalls an den vielen Heften in Reclams Universal-Bibliothek ablesen läßt. Zum 100. Geburtstags-Jubiläum 1900 gab die Nichte Alice von Gaudy (1863-1929) eine 2bändige Auswahlausgabe heraus. Nach dem Epochenbruch des Ersten Weltkriegs erschienen noch der Schneidergeselle und die Venetianischen Novellen in kleinen, meist illustrierten Ausgaben. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist er fast ganz vergessen, nur wenige kleine Ausgaben sind zu nennen.
[1] Ein großer Nachlaß-Teil war Arthur Mueller (1804–1866) zwecks Herausgabe der Sämtlichen Werke übergeben worden, der ihn für seine Darstellung Franz Freiherrn Gaudy's Leben in Bd. 1, S. IX–LXIII nutzte; danach ging er vollständig verloren. Den weiteren Teil des Nachlasses hütete die Schwester Constance von Kalckreuth (1805–1876) in Schönborn (Nähe Züllichau, Neumark), sie leitete ihn später weiter in die Verwandtschaft. (Fedor von Zobeltitz: Franz Freiherr Gaudy. Ein Gedenkblatt zum 19. April. In: Daheim, 1900, 36. Jg., Nr. 28, S. 20–22. ‒ Ders.: Aus Franz Freiherrn Gaudys Jugendtagen. Ein Kindertagebuch, Mutterbriefe, Gelegenheitsgedichte und Karikaturen. In: Zeitschrift für Bücherfreunde 4, 1900–1901, S. 13–23). ‒ Johannes Reiske: Franz Freiherr Gaudy als Dichter. Diss. phil. Berlin 1911, Anhang S. 115f. ‒ An Briefen sind derzeit 168 bekannt, s. unten die Bibliographie: Briefe.
[2] Der Haupt-Vorname der Mutter – Constanze – fehlt irrtümlich.
[3] Bayerische Staatsbibl. München, E. Petzetiana V, Gaudy. Druck in Briefe, hrsg. von R. Hillenbrand, S. 167–170.
[4] Bildgedichte in Gaudy, Gedichte, 2023, S. 186–221 mit Abb. ‒ Kunstthemen in Mein Römerzug.
[5] So Gaudy in seinem Lebenslauf. ‒ Christian Velder: 300 Jahre Französisches Gymnasium Berlin. Berlin 1989, S. 229–232: Gaudy als „Rebell gegen den altmodischen Unterricht am Collège“, der überwiegend im Auswendiglerrnen bestand.
[6] Archiv und Bibliothek der Landesschule Pforta, ABLS Pforta, Valediktionen 231/16. (Die auf der Abb. zu sehende Signatur ist eine alte, nicht mehr zutreffende.).
[7] Wolfram von Ebertz: Kurze Geschichte des Grenadier-Regiments König Friedrich Wilhelm II. (1. Schlesisches) Nr. 10. Berlin 1896. Das Füsilierbataillon war von Sept. 1821 – Febr. 1831 in Brieg stationniert (S. 178).
[8] Gaudy, Sämtl. Werke, Bd. 1, S. XXXII.
[9] Briefe 9. Adressatin erschlossen aus ms 137 der Sammlung Varnhagen, in: Krakau, Biblioteka Jagielllońska.
[10] Gedicht An meinen Schneider in: Gaudy, Gedichte. 2023, S. 33.
[11] Gaudy: Ausgewählte Erzählungen. Mit einer Einl. von Constance von Gaudy. Berlin, Stuttgart 1886. Deutsche Hand- und Hausbibliothek, Collection Spemann 95, Einleitung.
[12] E. von Conrady: Geschichte des Königl. Preußischen Sechsten Infanterie-Regiments, von seiner Stiftung im Jahre 1773 bis zu Ende des Jahres 1856. Glogau 1857, S. 273.
[13] Karl Demeter: Das deutsche Offizierkorps in Gesellschaft und Staat 1650–1945. 4. Aufl. Frankfurt/M. 1965, S. 116ff.: Ehre. – Peter Dieners: Das Duell und die Sonderrolle des Militärs. Zur preußisch-deutschen Entwicklung von Militär- und Zivilgewalt im 19. Jh. Berlin 1992.
[14] Eigenhändiges Verzeichnis seiner Duelle in der Sammlung Varnhagen: Biblioteka Jagiellońska Krakau, Ms 1920.19, fol. 19v-20v.
[15] Doris Fouquet-Plümacher: Franz Freiherr Gaudy 1827 auf der Festung Silberberg (Schlesien). Kleist-Museum, Frankfurt (Oder) 2020. (Frankfurter Buntbücher 65). ‒ S. unten S. MM.
[16] Conrady, Regimentsgeschichte (wie Anm. 12), S. 349. ‒ Rang- und Quartierliste der Kgl. Preußischen Armee 1831, S. 70.
[17] Er übersetzte Schillers Lied von der Glocke ins Lateinische und schrieb dazu die Parodie Der Kaffee ("Heute muß die Glocke werden" > "Jetzo will ich Kaffee kochen").
[18] Vgl. das Gedicht Der Sabbath-Morgen. In: Deutscher Musenalmanach 1833, S. 251–253.
[19] Nr. 1–3 in: Sämtl. Werke, Bd. 18, S. 111-189. Nr. 4: Der ausgespielte Bräutigam. 1829. (Universitätsbibliothek Wroclaw Egz. 1 Na miejscu).
[20] Doris Fouquet-Plümacher: Liebes-Fatalitäten, Sabbath-Morgen und Seegespenst. Franz von Gaudy und Heinrich Heine. In: Heine-Jahrbuch 2024, S. 65–99, hier S. 78–82.
[21] Das Großherzogtum Posen war bei der vierten Teilung Polens auf dem Wiener Kongreß 1815 entstanden. Joachim Rogall: Die Deutschen im Posener Land und in Mittelpolen. München 1993, S. 66ff.
[22] Briefe Nr. 18 an S. Hirzel und Nr. 20 an H. Heine.
[23] Der Magistrat der ‚Mediat-Stadt Koźmin im Großherzogtum Posen‘ verlieh ihm am 11. November 1830 das Bürgerrecht. Der Bürgerbrief ist nicht überliefert. – Fedor von Zobeltitz: Franz Freiherr Gaudy. Ein Gedenkblatt zum 19. April. In: Daheim, 1900, 36. Jg., Nr. 28, S. 20–22, hier S. 22.
[24] Conrady, Regimentsgeschichte (wie Anm. 12), S. 275.
[25] Tagebuch Gaudys, nach Handschrift Ni 232 (Nachlaß Nicolai) der Staatsbibliothek zu Berlin (Kriegsverlust), auszugsweise in: Wilhelm Dreecken: Franz Freiherr Gaudy. Darstellung seines Lebens und seiner Werke. Masch. Manuskript 1910, 104 S., S. 5f., Cholera S. 23f.
[26] Eine Untersuchung von slavistischer Seite fehlt. Eine erste kleine Zusammenstellung vom germanistischen Stand: Doris Fouquet-Plümacher: Franz von Gaudy und Polen. In: Jahrbuch für Internationale Germanistik 55, 2023, S. 105–139.
[27] Gerard Koziełek: Polenlieder. Stuttgart 1982.
[28] Briefe 21.2. in Briefe Nachtrag 2.
[29] Gaudy, Sämtl. Werke 1, S. XLIX. ‒ Rang- u. Quartierliste der preußischen Armee 1834, S. 73: „m. Pens. dim[ittiert]“.
[30] Portogalli, Sämtl. Werke 5, S. 84.
[31] Mein Römerzug, Bd. 1, S. 42.
[32] Brief an die Weidmannsche Buchhandlung vom 31. Januar 1834.
[33] Karl Voretzsch: Gaudys Kaiserlieder und die Napoleondichtung. In: Preußische Jahrbücher 95, 1899, S. 412–496, hier S. 437. S. a. Karl Voretzsch: Franz von Gaudy und seine Beziehungen zur französischen Literatur. Öffentliche Antrittsvorlesung gehalten am Montag den 26. October Mittag 12 Uhr in der Aula der vereinigten Friedrichs-Universität Halle-Wittenberg. 1891. In: Universitäts-Bibliothek Halle-Wittenberg, Historische Sammlungen, Yi 36 I 29, S. 16–20.
[34] Gaudy, Gedichte. 2023, S. 420–426, hier 425f.
[35] Die Trauerweiden sind ein Topos der Napoleondichtung. Es sind "Fünf gebeugte Trauerweiden" am Grab Napoleons, die ihn besingen, die erste setzt ein: "Schleudert Stürme, meine Ranken / Nicht so rauschend durch die Luft! / Schweigt! Der größte Held der Franken / Träumt in dieser niedern Gruft." Auch in seinem Napoleonsgedicht Das Grab auf der Insel (1834) heißt es: „Im Schatten der Trauerweiden / liegt ein behau'ner Stein ...".
[36] Gaudy: Venetianische Novellen und italienische Erzählungen. (Ausgew. Werke 1, 2020), S. 315–339.
[37] Gustav Nicolai: Italien wie es wirklich ist. Bericht über eine merkwürdige Reise in den hesperischen Gefilden als Warnungsstimme für alle, welche sich dahin sehnen. 2 Bde. Leipzig 1834. – 2. Aufl. mit ausführlichem Anhang. Leipzig 1835.
[38] La Guzla, ou choix de poésies Illyriques recueillies dans la Dalmatie, la Bosnie, la Croatie et l’Herzegowine. Paris 1827.
[39] Doris Fouquet-Plümacher: Franz von Gaudy: Der Morlake in Venedig. (Illyrisch). In: Gedankenstriche. Ein Journal des Kleist-Museums. 2020, S. 24–33.
[40] Gustav Schwab: Die Neckarseite der Schwäbischen Alb. 1823. Gaudy sandte den Reiseführer später aus Berlin zurück, nachdem er dort ein Exemplar erworben hatte.
[41] Aus dem Gedenkbuche des Ritter Rudolf von Ehingen, geboren 1378, gestorben 1467. ‒ Der Pfarrer von Weinsperg. Alt-schwäbische Historie. ‒ Jugend-Liebe. Süddeutsches Genrebild.
[42] Revue germanique 1835,3, S. 103-106. Der Übersetzer wird nicht genannt. Gaudy, Gedichte 2023, S. 305f., 422f.
[43] Karl Voretzsch beschreibt es kurz in: Gaudys Entwicklungsgang. In: Allgemeine Zeitung München vom 19.4.1900. Beilage 89, S. 1–4, und 90, S. 5–6, hier S. 3. ‒ Johannes Reiske: Franz Freiherr Gaudy als Dichter. Diss. phil. Berlin 1911, Anhang S. 115.
[44] Brief von Cotta an Gaudy aus Stuttgart vom 16. Juni 1838 (Briefe 122).
[45] In: Venetianische Novellen und italienische Erzählungen. Ausgew. Werke. Bd. 1, 2020, S. 222–376. (Baffetto fand sich im Nachlaß).
[46] Mein Römerzug I, S. 218.
[47] Die Bildermappe befand sich im Nachlaßteil der Schwester Constance und gelangte durch Erbschaft an F. Dunbar von Kalckreuth: Aus einem alten Album. In: Daheim 67, 1931, S. 12–14. Sie wurde auf der Auktion: Autographen (meist Neuerwerbungen) aus allen Gebieten, dabei auch einige Handzeichnungen des Dichters Franz von Gaudy. Katalog 348. Berlin: Stargardt 1934 versteigert; alle Stargardt-Geschäftsunterlagen sind Kriegsverlust.
[48] Diese Ausgabe wurde 2023 als Bd. 2 der Ausgewählten Werke herausgegeben. Da die 1847er Ausgabe damals ein unrechtmäßiger Nachdruck aus den Sämtlichen Werken war, wurde Arthur Mueller deswegen am 18. Februar 1851 vom Stadtgericht Berlin verurteilt (s. Gaudy, Gedichte, 2023, S. 13–15).