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Der Orgelbauer Wilhelm Sauer
1831 - 1916
von Gerhard Spallek

Als fünftes Kind der Eheleute Johanna-Christina, geborene Sumke, und Carl Adolf Ernst Sauer wurde Wilhelm am 23. März 1831 im Dorf Schönbeck in Mecklenburg-Strelitz geboren. Sein Vater war Schmied, beschlug die Pferde und fertigte alles, was die Bauern aus Eisen benötigten.

Fasziniert von Klang und Technik interessierte sich Carl Adolf Ernst Sauer aber auch brennend für die Orgel. Großes Aufsehen wurde erregt, als der Autodidakt im Jahre 1834 eine kleine Orgel für seine Dorfkirche baute. Es folgte eine regelrechte Ausbildung zum Orgelbauer des inzwischen 39 Jahre alten Schmiedemeisters, die sein Landesfürst finanziell förderte. So konnte er im nahe gelegenen Friedland eine eigene Orgelbauwerkstatt eröffnen.

Sohn Wilhelm trat dort als Lehrling ein und legte nach entsprechender Ausbildung die Gesellenprüfung ab. Wie zu dieser Zeit allgemein üblich, verließ Wilhelm Sauer seinen Vater und Lehrmeister, um nach Abschluss der Lehrzeit die so genannte Walz, die Wanderjahre zünftiger Gesellen, anzutreten.

In Paris wurde er vom genialen Großmeister der französischen Orgelbaukunst Aristide Cavaillé-Coll (1811-1899) freundlich aufgenommen, und als er Monate später weiterzog, hatte er viel dazu gelernt. Wertvolle Skizzen und Notizen gehörten zu seinem Reisegepäck. Auch die Gesellenzeit bei dem berühmten süddeutschen Orgelbauer Eberhard Friedrich Walcker (1794-1872) in Ludwigsburg brachte eine bedeutende Horizonterweiterung und sorgte für Anregungen, die für ein langes Orgelbauerleben von Nutzen sein sollten.

Nach seiner Meisterprüfung war der erst 26 Jahre alte Wilhelm auf der Suche nach einem geeigneten Ort zur Niederlassung und Gründung einer eigenen Orgelbau-Firma. In Frankfurt an der Oder wurde er rasch fündig und gründete 1857 die

 Wilhelm Sauer ca. 80 Jahre alt

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Wilhelm_Sauer_portrait.jpg

Orgelbauanstalt Wilhelm Sauer. In der Dammvorstadt, dem heutigen Słubice, auf dem Hintergelände der Gaststätte und früheren Ausspanne „Goldener Löwe“, fanden sich für den Anfang gut geeignete Werkstatträume. Noch war der Betrieb klein, aber der qualifizierte und hoch motivierte Meister hatte sich vorgenommen, nur bestes Material in überdurchschnittlicher Verarbeitung anzubieten. Dazu kamen Termintreue, Einhaltung der geplanten Kosten und Respekt gegenüber den Auftraggebern. Diesen Grundsätzen hatten sich seine Mitarbeiter anzuschließen. Bereits im Gründungsjahr 1857 verließen 3 Orgeln mit zusammen knapp 30 Registern die junge Werkstatt. Die erste Orgel wurde in der Evangelischen Dorfkirche in Wutzig im Netzebruch aufgestellt, und schnell verbreitete sich der gute Ruf der neuen Werkstatt. Die Auftragsbücher füllten sich weiter, der Betrieb florierte. 1864 war zum ersten Mal in Berlin, 1867 ging die Reise nach Paris, 1868 erfolgte ein erster Auftrag in St. Petersburg.

Die Werkstatt im „Goldenen Löwen“ war längst zu klein geworden, und Wilhelm Sauer fand ein geeignetes Grundstück unweit der Gertraudkirche. Am Park 13, lautete die neue Adresse.  Der Inhaber konnte mit seiner Familie in der vorhandenen kleinen, aber repräsentativen Barockvilla, wohnen, dem heutigen Empfangsgebäude der Märkischen Oderzeitung in der Paul-Feldner-Straße 13, bekannt als „Sauerhaus“.

Die Belegschaft der Orgelbaufirma mit ihrem Chef

Dahinter entstanden ein mächtiger Holzschuppen, ein Montagesaal, in dem auch größere Orgeln vormontiert werden konnten, zwei Werkstatthäuser mit je drei Ebenen und ein Dampfmaschinenhaus mit großem Schornstein, Maschinenhaus und Schlosserei. Das Areal bot Platz für rund 80 Orgelbauer.Längst gehörte Wilhelm Sauer zu den führenden Orgelbauern seiner Zeit.

Berlin – Domorgel
gebaut 1905
113 Register

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:BerlinMitte,_Berlin_Cathedral,_the_Sauer_organ.JPG

Immer wieder festigten repräsentative Großorgeln, wie in der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und im Berliner Dom, oder in der Leipziger St. Thomaskirche und im Gewandhaus, um nur wenige Beispiele zu nennen, den herausragenden Ruf seiner Frankfurter Orgelbauanstalt. Wilhelm selbst, als Prinzipal der Firma, wurde in vielfacher Weise geehrt. So wurde er 1884 zum Königlich Preußischen Hoforgelbauer ernannt. Seine Meinung hatte in Fachkreisen großes Gewicht. Arbeitsaufträge erreichten den Betrieb aus allen Regionen Deutschlands, darüber hinaus kamen viele Aufträge von den europäischen Nachbarn. Vereinzelt war Sauer zudem in Afrika und Südamerika tätig.

1910 wurde der Meister 79 Jahre alt, und die Kraft reichte nicht mehr aus, um seine Arbeit fortzusetzen. Seine beiden Söhne standen für die Orgelbauerarbeit nicht zur Verfügung, sie hatten andere Berufe gewählt. Seit 18 Jahren war Paul Walcker, Mitglied der Walcker-Familie aus Ludwigsburg, bei der Wilhelm Sauer in jungen Jahren gelernt hatte, in Frankfurt (Oder) tätig. Walker kaufte die Firma, die bis zum Jahre 2000 als „W. Sauer Orgelbau, Frankfurt (Oder) und Müllrose“, zum Walckerschen Eigentum gehörte. Wilhelm Sauer starb am 9. April 1916. Unter seiner Verantwortung wurden 1.100 Orgeln gebaut.

04.07.2025 - Gerhard Spallek

Sauer Orgel in der Konzerthalle Carl-Phillip-Emanuel Bach in Frankfurt (Oder)
Foto: Klaus Baldauf

Gerhard Spallek (26.1.1931-12.10.2025) war selbst Orgelbaumeister und ab 1967 Geschäftsführer des „Frankfurter Orgelbaus Sauer“. Vgl. den Nachruf von Jörg Kotterba: 1200 Arbeitsstunden für ein Instrument. Orgelbaumeister Spallek ist im 95. Lebensjahr gestorben. Er hat ein großes Stück Frankfurter Musikgeschichte mitgeschrieben, Märkische Oderzeitung vom 24. Oktober 2025, S. 15.