Ein Frankfurter im 20. Jahrhundert

Abb.1: Hermann Zvi Aronheim als junger Mann.
Hinweis zur Namensverwendung: Hermann Zvi Aronheim führte im Laufe seines Lebens verschiedene Namen. In Palästina und Israel war er als Zvi Aharoni bekannt, später lebte er unter dem Namen Hermann Arndt. Im folgenden Text werden die Namen entsprechend den jeweiligen Lebensphasen verwendet. Aus Gründen der Einheitlichkeit wird überwiegend Hermann Arndt verwendet, da er diesen Namen bis zu seinem Lebensende führte.
Hermann Zvi Aronheim wurde am 6. Februar 1921 in einer Klinik an der Ecke Bahnhofstraße/Spiekerstraße in Frankfurt (Oder) geboren. Später lebte er unter dem Namen Zvi Aharoni in Palästina und Israel. Nach seiner Übersiedlung nach England nannte er sich Hermann Arndt. Der Vater Heinrich Aronheim (1880-1937) war Rechtsanwalt, die Mutter Eugenie, geborene Simon (1888-1980), leitete nach dem Tod des Vaters die Auswanderung der Familie in die Wege. Hermann Arndt hatte zwei Brüder, Hans Josef und Peter Michael.

Abb. 2: Hermann Arndt vor dem Haus in der Ferdinandstraße 15 in Frankfurt (Oder) bei einem Besuch 1994
Die Familie lebte in einem Haus in der Ferdinandstraße 15. Hermann besuchte 1927 zunächst die Grundschule in der Fürstenwalder Straße und ab 1930 das Friedrichsgymnasium in der Gubener Straße. In seinen späteren Briefen berichtete Hermann Arndt von der antisemitischen Diskriminierung, die er während seiner Schulzeit erfahren hatte. Angesichts der zunehmenden nationalsozialistischen Verfolgung emigrierte sein älterer Bruder Hans Josef bereits 1933 nach Palästina. 1935 verließ die Familie Frankfurt (Oder) und zog mit Hermann und Peter nach Berlin. Das Haus in der Ferdinandstraße wurde verkauft. Nach dem Besuch der Goldschmidt-Schule in Berlin begann Hermann Aronheim 1936 eine Maurerlehre.
Nach dem Tod des Vaters 1937 organisierte die Mutter die Ausreise. 1938 emigrierte Hermann Aronheim über Amsterdam, London und Paris nach Palästina. Dort lebte er als Zvi Aharoni zunächst bei seinem Bruder im Kibbuz Alonim bei Haifa und arbeitete in der Landwirtschaft. 1941 heiratete er die aus Berlin stammende Ursula Neumann. Im folgenden Jahr trat er in die britische Armee ein, in der er unter anderem als deutsch-englischer Übersetzer tätig war. Das Ende des Zweiten Weltkriegs erlebte Aharoni 1945 in Florenz und Wien. 1946 wurde er aus dem britischen Militärdienst entlassen.

Abb. 3: Klassenfoto aus der Schulzeit; Hermann ist markiert.

Abb. 4: Zvi Aharoni während seiner militärischen Jahre
1944
in England.
Nach dem Krieg lebte Aharoni in Haifa, studierte Architektur am Technion und nahm am israelischen Unabhängigkeitskrieg teil. 1948 trat er in den israelischen Inlandsgeheimdienst Shin Bet ein. Später arbeitete er für den israelischen Auslandsgeheimdienst Mossad. Eine zentrale Rolle spielte er 1960 bei der Fahndung nach Adolf Eichmann in Argentinien. Das Auffinden und die Entführung Eichmanns aus Buenos Aires nach Israel unter maßgeblicher Beteiligung Zvi Aharonis wurde zu einem der bekanntesten Fälle der Nachkriegsgeschichte. Der Prozess gegen Eichmann fand 1961 in Jerusalem statt.

Abb. 5: Zvi Aharoni und Ricardo Eichmann lesen gemeinsam einen Bericht über die Entführung und Hinrichtung Adolf Eichmanns.
1962 übernahm Aharoni die Leitung einer Einheit, die sich mit der Fahndung nach dem SS-Arzt Josef Mengele in Brasilien befasste. Nach seiner Rückkehr 1964 nach Israel trug er zum Aufbau der Abteilung „Innere Sicherheit und Ausbildung“ im Mossad bei.

1970 schied Aharoni aus dem Mossad aus. Die folgenden Jahre führten ihn als Repräsentant einer Schweizer Bank nach China. 1973 lernte er seine zweite Frau Val kennen und zog mit ihr 1974 nach London. 1976 kehrte er zurück nach Israel und gründete seine eigene Detektei in Tel Aviv.
Als 1980 seine Mutter Eugenie im Alter von 92 Jahren starb, verließ er Israel und ging gemeinsam mit seiner Frau Val erneut nach China. 1985 setzte er sich schließlich in Devon in Südwestengland zur Ruhe.
Abb. 6: Zvi Aharoni in späteren Jahren.

Abb. 7: Ausstellungsplakat „Ich bin ein Frankfurter“ über Hermann Arndt / Zvi Aharoni.
Mehr als fünf Jahrzehnte nach seiner Emigration entstand eine
erneute Verbindung zwischen Hermann Arndt und seiner
Geburtsstadt. 1993 kam es zum ersten Briefkontakt anlässlich
des 300jährigen Bestehens des Friedrichsgymnasiums in Frankfurt
(Oder), initiiert von Peter Staffa. Von da an stand Hermann
Arndt mit Schülerinnen und Schülern im Briefwechsel. Bereits
1994 besuchte er seine ehemalige Schule. 2000 wurde auf seine
Initiative eine Gedenktafel für zwei ermordete Mitschüler in
der Aula der Schule angebracht. Bei dieser Gelegenheit brachte
er seine fortbestehende Verbundenheit mit seiner Geburtsstadt
in einem prägnanten Satz zum Ausdruck:
„Ich bin ein Frankfurter.“
Hermann Arndt starb am 26. Mai 2012 in Südwestengland. Sein Lebensweg verbindet die Geschichte der Stadt Frankfurt (Oder) mit den tiefen Brüchen des 20. Jahrhunderts: jüdische Kindheit in Deutschland, erzwungene Emigration, Aufbau eines neuen Lebens in Palästina und Israel, Beteiligung an der Aufarbeitung nationalsozialistischer Verbrechen und eine späte, vorsichtige aber dennoch nachhaltige Rückkehr in die Erinnerung der Stadt.

Abb. 8: Hermann Arndt mit Peter Staffa, der den Kontakt zwischen Schülern des Friedrichsgymnasiums und Arndt initiierte (ca. 2000).
